Silingo: Lebrón/Augsburger erst bei 50 Prozent
Nach dem Einzug ins Finale des Premier Padel Málaga P1 und dem zuvor spektakulären Halbfinalsieg gegen Ale Galán und Fede Chingotto stehen Juan Lebrón und Leo Augsburger weiter im Zentrum der Aufmerksamkeit. Hinter dem Duo arbeitet Trainer Agustín Gómez Silingo an einem langfristigen Projekt. In einem Interview mit Marca sprach der frühere argentinische Weltklasse-Spieler und heutige Coach der Diagonal Academy über Fortschritte, Alltag und die Herausforderung, zwei sehr unterschiedliche Profile zusammenzuführen.
Nur die Hälfte des Potenzials sichtbar
Trotz der ersten P1-Finalteilnahme und zunehmend überzeugender Auftritte sieht Silingo das Paar noch weit entfernt von seinem Bestniveau. Er schätzt, dass bislang lediglich etwa 50 Prozent des gemeinsamen Potenzials sichtbar geworden sind. Die größte Entwicklungsmarge erkennt er bei Leo Augsburger. Laut dem Trainer stehe beim jungen Argentinier noch sehr viel technische Arbeit an. Im Fokus liegen Koordination und grundlegende Schlagmuster, die zuvor kaum systematisch trainiert worden seien.
Bei Juan Lebrón hingegen beschreibt Silingo eine bereits sehr stabile Basis. Der frühere Weltranglistenerste kämpfe weiter um die Rückkehr an die Spitze; mit ihm gehe es vor allem um Feinjustierungen. Damit entsteht für den Stab ein zentrales Spannungsfeld: Augsburger befindet sich noch in einer intensiven Ausbildungsphase, während Lebrón bereits ein ausgereifter Topspieler ist. Die größte Aufgabe bestehe darin, beide zur gleichen Zeit auf denselben Punkt zu bringen.
Ausbildung und Ambition gleichzeitig steuern
Silingo betont gegenüber seinen Spielern immer wieder denselben Kernsatz: Alles sei ein Prozess, und Prozesse brauchten Zeit. Kurze Wege gebe es im Hochleistungssport selten. Zwei Fortschritte seien bereits erkennbar. Zum einen zeige Augsburger eine klare technische Weiterentwicklung. Zum anderen arbeite das Team mit Lebrón psychologisch daran, Geduld zu entwickeln und den langfristigen Charakter des Projekts zu akzeptieren.
Der Trainer äußert große Begeisterung über die Zusammenarbeit mit dem jungen Argentinier und nennt ihn einen Rohdiamanten, den es zu schleifen gelte. Der Trainingsalltag greift dabei oft sehr grundlegende Elemente auf: Vorhand vom Fond, Lob, Anpassung der Öffnung je nach Schlagwahl. Solche Korrekturen verlangen laut Silingo enorme Wiederholungszahlen. Fortschritte seien besonders in der Verteidigung sichtbar. Augsburger wisse inzwischen, dass er verteidigen könne – jetzt müsse er diese Fähigkeit mit Konstanz abrufen. Genau diese Regelmäßigkeit trenne ihn noch von den absolut besten Spielern der Welt.
Druck durch Lebrón als Normalzustand
Nach dem Halbfinale in Málaga hatte Augsburger selbst von starkem Druck an der Seite von Juan Lebrón gesprochen. Für Silingo ist das keine Ausnahme, sondern Teil des Spitzenniveaus. Lebrón sei anspruchsvoll, weil er gewinnen wolle. Der Coach zieht einen Vergleich zu seiner eigenen Karriere: Als junger Spieler habe Gaby Reca enormen Druck aufgebaut; am Ende der Laufbahn sei er selbst zum fordernden Partner für Jüngere geworden. In sechs oder acht Jahren werde Augsburger diese Haltung womöglich an einen 21-jährigen Partner weitergeben.
Frustration managen und Rollen akzeptieren
Augsburgers offensiver Stil bringt zwangsläufig mehr Risiko und damit mehr Fehler mit sich. Auch das müsse der Stab mit Lebrón steuern. Silingo erinnert den erfahrenen Spieler ständig daran, dass er sich bewusst für dieses Projekt entschieden habe. Leo werde in der Offensive enorm viel bringen; in der Defensive gebe er derzeit das, was er aktuell könne, und entwickle sich weiter. Umgekehrt könne Augsburger Lebrón vorhalten, hervorragend zu verteidigen, aber weniger Angriffspunkte zu liefern. Ziel sei, dass beide Stärken und Grenzen des Partners akzeptieren.
Nach dem Aufsehen erregenden Sieg gegen Galán und Chingotto erwarteten viele im Finale ein weiteres Topduell gegen Arturo Coello und Agustín Tapia. Stattdessen wurden Lebrón und Augsburger rasch überfordert. Silingo führt das vor allem auf körperliche Erschöpfung zurück. Die Beine hätten nicht mehr mitgespielt. Der emotionale Aufwand des Halbfinals sei enorm gewesen: ein langer Tag, intensive Emotionen, spätes Zubettgehen und am nächsten Tag erneut Höchstleistung. Unter diesen Bedingungen sei das Endspiel früh entschieden worden.
Ein Projekt mit Blick nach vorn
Trotz der Fortschritte spricht Agustín Gómez Silingo nicht von einem abgeschlossenen Werk. Ob das Paar gerade seine beste Phase durchlaufe, beantwortet er zurückhaltend. Er bezweifle sogar, ob es in einer Padel-Paarung überhaupt den einen besten Moment gebe. Alles könne sich sehr schnell ändern. Sicher sei nur die tägliche Arbeit daran, besser zu werden. Diese Haltung fasst die Philosophie des argentinischen Technikers zusammen: Die Paarung Lebrón und Augsburger befindet sich weiter im Aufbau, ihr Potenzial bleibt jedoch groß. Für Silingo liegt das Beste klar noch vor dem Duo.
- Technische Grundlagenarbeit und Koordination bei Augsburger
- Feinjustierung und Geduldsarbeit bei Lebrón
- Akzeptanz unterschiedlicher Stärken und Grenzen im Doppel
- Belastungsmanagement nach emotional intensiven Turniertagen
Damit wird das Projekt in Málaga und darüber hinaus nicht nur an Ergebnissen gemessen. Es geht um den Aufbau einer belastbaren Partnerschaft zwischen einem ehemaligen Weltranglistenersten und einem jungen Offensivtalent. Silingo orchestriert diesen Prozess mit klarer Priorität auf Wiederholung, Geduld und schrittweiser Annäherung der Leistungsniveaus. Die Finalteilnahme beim Premier Padel Málaga P1 gilt ihm weniger als Endpunkt denn als Zwischenbilanz eines Weges, der noch deutlich nach oben offen ist.
Ob die von Silingo genannten fehlenden 50 Prozent sichtbar werden, hängt weniger von einzelnen Turnieren als vom Alltag ab: Augsburgers Verteidigung verstetigen und Lebróns Geduld für das Entwicklungsprojekt bewahren. Die Botschaft bleibt klar – das Duo hat viel erreicht und arbeitet daran, deutlich mehr daraus zu machen.